Du bist, was Du isst

Die unbewusste nutritive Manipulation von Stimmungen
und Gefühlen

Die Speisen haben vermutlich einen großen Einfluss
auf den Zustand des Menschen, wie er jetzo ist. Der
Wein äußert seinen Einfluss mehr sichtbar, die Speisen
tun es langsamer, aber vielleicht ebenso gewiss…

(G.C. Lichtenberg, Sudelbücher, 1742-1799).

Schon vor 200 Jahren war Lichtenberg der Mei-
nung, dass die Nahrung die Psyche beeinflusst.
Wie das geschieht, wusste er noch nicht. Es ist auch
nicht immer sichtbar. Man sieht es nicht, solange
Menschen Hunger leiden und alles zu essen bereit
sind, was diesen Hunger nur irgendwie stillen kann.
Besonders gut sieht man ihn in einer Überflussge-
sellschaft, in der sich die Menschen ihre Nahrung
aussuchen können. Und erkennen kann man ihn
immer dann am besten, wenn Menschen in Belas-
tungssituationen geraten: Unter Belastungen ändern
die Menschen ihr Nahrungsverhalten, auch unter
psychischen Belastungen.
Psychische Belastungen rufen immer eine Störung
des emotionalen Gleichgewichtes im Gehirn hervor,
die mit einer sich ausbreitenden unspezifischen
Erregung einher geht und eine Stressreaktion aus-
löst. Nur selten kommen derartige Stressreaktionen
beim Menschen dadurch zustande, weil ein angebo-
renes Programm für Schlangen oder ähnliche
gefährliche Bedrohungen im Gehirn aktiviert wird.
Die wesentlichen Auslöser von Angst und Stress
sind die täglichen, vielfältigen Konflikte mit ande-
ren Menschen, auch der Verlust des Partners, der
Verlust von psychosozialer Unterstützung und – was
heutzutage eine besonders wichtige Rolle spielt –
der Verlust von psychosozialer Kompetenz, bei-
spielsweise weil Menschen arbeitslos werden oder
ihre bisherigen Fähigkeiten und Fertigkeiten durch
Computer ersetzt werden. All das muss nicht real
eintreten. Schon die Vorstellung, dass so etwas pas-
sieren könnte oder die Ahnung, dass sich so etwas
anzubahnen beginnt, löst eine Störung des emotionalen
Gleichgewichtes aus und führt zu einer Stressreaktion.


Es gibt verschiedene Strategien, um Angst und
Stress zu bewältigen. Jeder hat im Lauf seines
Lebens bestimmte Bewältigungsstrategien gefunden,
die er als besonders geeignet empfindet, um gegen
Angst und emotionale Verunsicherung anzugehen.
Optimal wäre es, möglichst viele verschiedene
Bewältigungsstrategien parat zu haben. Das schaffen
nicht alle Menschen. Viele versuchen ihre Ängste
mit einer ganz bestimmten, immer gleichen Strate-
gie zu bewältigen. Durch die Aneignung von Wis-
sen und Kompetenz, von Macht, Reichtum oder
Statussymbolen beispielsweise. All das sind Mecha-
nismen, mit denen Menschen versuchen, mit ihren
Ängsten umzugehen. Auch Essen und Fasten kön-
nen als Strategien zur Stabilisierung des emotiona-
len Gleichgewichtes von Menschen entdeckt und
benutzt werden. Wie das funktioniert, soll im Fol-
genden etwas näher beleuchtet werden.


Viele Eingänge schaffen Unruhe und ein
System sorgt für Harmonie im Hirn

Wir verstehen die Informationsverarbeitung im
Gehirn als einen integrativen Prozess, bei dem die
in verschiedene Bereichen des Gehirns einfließen-
den und entstehenden Erregungen zu einem inne-
ren Bild zusammengefügt werden. Manche regiona-
len Netzwerke besitzen eigene erregende Eingänge,
die aus den verschiedenen Sinnesorganen kommen,
andere Gebiete haben andere Eingänge und es gibt
assoziative Zentren. Diese Netzwerke liegen regional
im Gehirn auseinander, sind aber miteinander und
auch mit den tiefer liegenden Gebieten verschaltet.
Und zwischen all diesen regionalen Aktivitäten
herrscht normalerweise immer eine gewisse Unruhe.

Damit diese Unruhe nicht zu stark wird, gibt es
übergreifende, globalisierende Transmittersysteme.
Eines davon ist das serotonerge System. Seine Ner-
venzellen befinden sich weit unten im Mittelhirn.
Von dort ziehen lange Fasern in alle Bereiche des
Gehirns. Diese Fortsätze verzweigen sich unterwegs
wie die Äste eines Baumes und erreichen als dichtes
Gestrüpp all die verschiedenen regionalen Netz-
werke in anderen Hirnregionen. Wenn die sero-
tonergen Nervenzellen feuern, wird an den Enden
ihrer Fortsätze der Botenstoff Serotonin ausgeschüt-
tet. Serotonin verändert und verstellt die Erregbar-
keit anderer Nervenzellen und das serotonerge
System ist auf diese Weise in der Lage, die unter-
schiedlichen Erregungsmuster in den regional aus-
einander liegenden Netzwerken zu globalisieren, zu
harmonisieren und für Kohärenz der Verarbeitungs-
prozesse zu sorgen.
Man kann davon ausgehen, dass praktisch jede
Nervenzelle im Gehirn und auch alle Gliazellen im
Gehirn ständig unter dem harmonisierenden Ein-
fluss dieses serotonergen Systems stehen. Die sero-
tonergen Zellen im Mittelhirn arbeiten ganz rhyth-
misch, mit drei bis fünf Impulsen pro Sekunde wird
also das ganze Hirn mit einem kleinen Schwapp
Serotonin überflutet. Nur wenn man einschläft,
kommt dieses serotonerge System auch zur Ruhe.
Dann wird es leiser und feuert es nicht mehr so
heftig. Und wenn man träumt, ist es ganz still.
Dann passiert das Wunderbare, dass man im Tra-
umschlaf sozusagen entharmonisiert wird. Dann
können einige Zentren plötzlich Bilder generieren,
die eigentlich nicht zusammen passen, man kann so
im Traum Flügel bekommen, im Traum kann alles
passieren – das serotonerge System, das sonst dafür
sorgt, dass alles einigermaßen geordnet abläuft und
zusammenpasst, dieses harmonisierende Transmit-
tersystem schweigt im Traumschlaf.

Das Geheimnis mancher Drogen:
High durch Serotoninflash

Wenn man begreifen will was passiert, wenn das
serotonerge System stimuliert wird, kann man sich
an den Auswirkungen des Konsums mancher Drogen
orientieren, die an diesem System angreifen, Ecstasy
beispielsweise stimuliert die Ausschüttung von Sero-
tonin besonders massiv. Wenn jemand Ecstasy ein-
nimmt, entlässt dieser riesige Serotoninbaum an sei-
nen Knospen sozusagen sein ganzes Serotonin auf
einmal. Es kommt dann zu einem Gefühl überströ-
mender Harmonie. Man hat keine Angst mehr, ist
optimal „drauf“, kann sich einfach fallen lassen, alles
was draußen passiert, verliert jede Bedrohlichkeit.
Sogar der Umstand, dass das serotonerge System
durch diese Überstimulation sehr leicht zerstört wer-
den kann, interessiert einen dann nicht mehr.

Das perfekte Recycling: Der Serotonin-
Kreislauf


Die Knospen am Ende der Fortsätze der serotoner-
gen Nervenzellen heißen serotonerge Synapsen.
Hier wird Serotonin aus Tryptophan hergestellt und
in kleine Bläschen, so genannte Vesikel verpackt.
Wenn drei- bis fünfmal pro Sekunde ein Impuls
in diesen Synapsen ankommt, rutschen die Vesikel
an die Membran heran und entlassen das Serotonin
nach draußen. Dort bindet es sich an einen der
vielen Rezeptoren, – inzwischen sind schon 15 ver-
schiedene Typen davon sequenziert und kloniert
worden – aktiviert ihn und so wird in dieser nach-
geschalteten Zelle ein bestimmter Effekt (meist eine
Hemmung der Erregbarkeit) ausgelöst. Anschlie-
ßend wird das Serotonin über einen Serotonintrans-
porter wieder in die Synapse aufgenommen, aus der
es ausgeschüttet wurde.
Diese Serotonintransporter wirken wie Staubsauger,
die das ganze Serotonin wieder in die Nervenzelle
hineinziehen. Dort gelangt es dann über einen
zweiten Transporter, der an der Membran der
Vesikel sitzt, wieder zurück in die Vesikel – und
geschlossen ist der Kreislauf. Nun kann es wieder
von vorne losgehen. Wenn der nächste Impuls
kommt, wird das Serotonin erneut ausgeschüttet.

Süßes und Fettes erhöht die Serotonin-
ausschüttung

Das serotonerge System hat eine besondere Eigen-
heit: Es ist das einzige Transmittersystem im
Gehirn, das sich durch die Nahrung beeinflussen
lässt – wahrscheinlich weil Tryptophan eine Ami-
nosäure ist, die in der Nahrung sehr rar ist. Gewis-
sermaßen ist Tryptophan ein Messfühler: Wird viel
Tryptophan im Gehirn angeflutet, ist das ein Signal
für eine besonders gute momentane Versorgungssi-
tuation. Kommt mehr Tryptophan im Gehirn an,
kann auch mehr Serotonin produziert und in die
Speichervesikel eingepackt werden. Bei jedem
Impuls wird dann auch etwas mehr Serotonin aus-
geschüttet. Auf diese Weise kommt es zu einer Ver-
stärkung des Harmonisierungeffektes des serotoner-
gen Systems, und der kann genutzt werden, um
innere Unruhe, Belastungen oder Stress abzubauen.
Niemand isst aber reines Tryptophan. Viele Men-
schen greifen jedoch in belastenden Situationen
gern zu Süßigkeiten. Süßigkeiten führen zur Aus-
schüttung von Insulin. Je mehr Insulin auf einmal
ausgeschüttet wird, desto mehr werden andere
große neutrale Aminosäuren im Blut in die Mus-
kulatur abgesaugt. Relativ zu diesen Aminosäuren
bleibt Tryptophan übrig und kann über den Trans-
porter an der Blut-Gehirnschranke leichter ins
Gehirn gelangen. Das heißt: Wenn weniger große
Aminosäuren im Blut sind, wird vermehrt Trypto-
phan ins Gehirn transportiert und es wird auch
mehr Serotonin produziert.
Wer schon als Kind Süßigkeiten zum Beispiel als
Betthupferl bekommen hat, macht in diesem
frühen Alter unbewusst die Erfahrung, dass Süßig-
keiten irgendwie helfen, mit Problemen fertig zu
werden. Wenn später im Berufsleben belastende
Situationen kommen, kann es passieren, das man
sich unbewusst an diese Wirkung erinnert und
wieder zu Süßigkeiten greift.

Die meisten Menschen haben diese Erfahrungen
mit Süßigkeiten gemacht. Wer jedoch nicht so
gerne Süßes isst, kann den harmonisierenden Effekt
auch mit Fett erreichen. Solche Menschen bekom-
men in belastenden Situationen einen unbändigen
Hunger auf ein Fettbrot, ein Eisbein oder ein
großes Stück Käse, verschlingen das auf einmal –
und fühlen sich dann wohler. Das ist folgender-
maßen erklärbar: Wenn man viel Fett auf einmal
isst, steigt der Spiegel freier Fettsäuren im Blut an.
Die freien Fettsäuren konkurrieren mit Tryptophan
um die Bindung an Albumin. Albumin, das große
Bluteiweiß, bindet normalerweise 90 Prozent des
Tryptophans. Wenn man Fett in großen Mengen
aufnimmt, verdrängen die freien Fettsäuren das
Tryptophan von dieser Bindungsstelle. Dann kann
das freie Tryptophan etwas besser als das gebundene
Tryptophan in das Gehirn eindringen und zur Sero-
toninsynthese genutzt werden. Die Folge ist ein
kleiner Schwapp an Harmonie. Der hält jedoch nur
kurze Zeit an: Nach ein oder zwei Stunden ist der
Effekt vorbei. Dann muss man entweder wieder
etwas Fetthaltiges oder Süßes essen. Viele Menschen
essen auch Fetthaltiges und Süßes in einem, zum
Beispiel in Form von Schokolade.

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